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  • AutorenbildFranziska Blickle

Wie gelingen barrierefreie Workshops? | Interview mit Sharon Maple

Bild von Sharon Maple vor einem blauen Hintergrund.
Das ist Sharon Maple.

Ich habe Sharon auf Instagram entdeckt und folge ihr schon eine Weile.


Ich mag ihre sympatische Art, ohne erhobenen Zeigefinger auf Barrieren hinzuweisen und im gleichen Atemzug leicht umsetzbare Tipps zu geben, wie diese abgebaut werden können.


Vor ein paar Wochen habe ich sie dann um dieses Interview gebeten. Im Video kannst du unserem Gespräch lauschen, wenn du lieber liest oder dir z.B. mit einem Screenreader vorlesen lässt, findest du darunter das Transkript.


 

Beim Klick startet das Video.

Wenn du unser Gespräch lieber lesen möchtest, dann findest du unten das Transkript.



 

Meine Fragen an Sharon im Überblick:

(du kannst auch einzelne Fragen anklicken und wirst dann direkt dorthin gebeamt)


 

1. Wer bist du und worum geht es in deinem Business?


Franzi: Hallo liebe Sharon, ich freue mich sehr, dass du meiner Einladung gefolgt bist und dass ich dich heute für meinen Blog und für meinen YouTube-Kanal interviewen darf. 

Bevor ich etwas Veraltetes oder Falsches über dich erzähle, wäre ich wahnsinnig dankbar, wenn du dich einmal kurz selber vorstellst.


Sharon: Vielen vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich riesig auf das Gespräch mit dir. Ich bin barrierefreie Moderatorin und mache auch barrierefreie Beratung. Aber was ist das überhaupt? Es gibt Moderation als Eventmoderation auf großen Bühnen, Stadtfesten, Podiumsdiskussionen zwischen Jung und Alt, Austausch Politik - Jugendlicher. Im Gegensatz dazu gibt es auch Workshopformate, Diskussionen in kleinen Runden, Zukunftswerkstätte - überall steckt Beteiligung drin. Die Barrierefreiheit heißt für mich, dass diese Beteiligung für alle möglich ist. Das bedeutet, dass wir Menschen mit verschiedenen Behinderungen, Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen die ganze Zeit mitdenken, sodass niemand ausgeschlossen wird. Bei allen Formaten von Großveranstaltungen, wo es Energizer gibt, mit aufstehen und in die Hände klatschen und dann können nicht alle aufstehen, oder auch in den kleinen Formaten, wo auf Karten geschrieben werden soll, und eine Person mit Sehbehinderung und Blindheit dies nicht umsetzen kann.

Dass wir uns mit diesem Thema mehr auseinandersetzen, im Idealfall auch schon im Vorfeld, sodass bei der Veranstaltung alle mitmachen können, alle Spaß haben und alle am Ende etwas mitnehmen können. 

Dazu berate ich und bin auch selbst als Moderatorin mit vor Ort und geleite durch die Veranstaltung. Ich bezeichne mich immer als Brückenbauerin, da ich zwischen verschiedenen Communitys vermitteln möchte, weil mir aufgefallen ist, dass Menschen sich nur mit dem auseinandersetzen mit der Umgebung in der sie aufgewachsen sind, je nachdem ob es Menschen in deren Umfeld gab, in der Schule, im Beruf, Geschwister die selbst betroffen sind von einer Behinderung, Beeinträchtigung oder chronischen Erkrankung, dann ist meist ein Vorwissen vorhanden. Ist das nicht der Fall, dann fehlt häufig das Vorwissen dazu oder es liegt eine Art Hemmung vor: „Wie beschäftige ich mich damit?“.

Deswegen versuche ich Brücken zu bauen, Einladungen auszugeben und zu zeigen, dass das alles kein Hexenwerk ist, dass das Spaß machen kann. Deswegen finde ich auch, dass das hier total gut hereinpasst, weil es alle möglichen Formate gibt und Barrierefreiheit überall seinen Platz hat.


Deswegen versuche ich Brücken zu bauen, Einladungen auszugeben und zu zeigen, dass das alles kein Hexenwerk ist, dass das Spaß machen kann. Deswegen finde ich auch, dass das hier total gut hereinpasst, weil es alle möglichen Formate gibt und Barrierefreiheit überall seinen Platz hat.

Franzi: Ich finde das auch total spannend. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich früher damit gar nicht beschäftigt, weil ich die Anforderungen in meinen Workshops nie hatte und irgendwann ist mir klar geworden, dass ich gar nicht sicher weiß, ob es vielleicht Personen gab, die das vielleicht gebraucht hätten oder ob ich einfach nicht die richtigen Fragen gestellt hätte oder ob ich die Leute vielleicht gar nicht abgeholt habe. Seitdem halte ich dahingehend die Augen offen und war total happy, als ich auf deinen Account gestoßen bin.


 

2. Wie hast du deine Nische gefunden?


Franzi: Du hast eine total spitze Positionierung oder ein Spezialgebiet, was ich auch noch nicht oft gefunden habe. Wie bist du denn dazu gekommen, dass genau das deine Nische wird? 


Sharon: Es gab kein auslösendes Erlebnis, wo ich dann gesagt habe: “Ab heute mache ich das”. Es war eher ein schleichender Prozess. Ich komme ursprünglich aus der Jugendbeteiligung, ich habe schon immer mit Gruppen zusammen gearbeitet und da ist Beteiligung total wichtig - Jugendbeteiligung sowieso. Ich habe mich mit dem Thema gendergerechte Medien durch mein Studium auseinandergesetzt - Ich habe Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert. Ich habe mich schon immer für andere Menschen gerne eingesetzt. Ich habe aber auch gemerkt, dass im Laufe der Zeit mein Herz weg von der Genderthematik geht, nicht weil es mir nicht wichtig ist, sondern weil ich gemerkt habe, dass es noch andere Personengruppen gibt, die mindestens genauso viel Unterstützung benötigen.

Man sagt auch Ally: “sich für andere einsetzen”. Ich selbst kenne das sehr gut, nicht gleichermaßen teilhaben zu können. Ich kenne die Situation sehr gut, auf einer großen Veranstaltung zu sein und nicht die Rolle der “Extrawurst” einnehmen zu wollen. Diese Aufmerksamkeit will ich eigentlich nicht, aber wenn das von Anfang an anders aufgebaut wäre, wäre das besser.


Auf Social Media bin ich auf andere Menschen getroffen, die ähnliche Situationen kennen und dann ist das so zusammengewachsen. Somit habe ich mich dazu entschieden, von der Teilzeit-Selbstständigkeit in die Vollzeit-Selbstständigkeit zu gehen. Und dann kam das Thema und seitdem gibt es mich auch nicht mehr ohne das Thema.


Franzi: Sehr cool!


 

3. Was kann jede:r Trainer:in sofort umsetzen, um den Workshop barrierefreier zu gestalten?

Franzi: Wahrscheinlich könntest du mir jetzt 300 Sachen nennen, die jede:r Trainer:in wissen und umsetzen sollte und wahrscheinlich hast du das ein paarmal sicherlich schon getan.

Hast du eine Sache, die so einfach ist, die sofort umgesetzt werden kann?


Sharon: Also ich kann da direkt anschließen an das, was du vorhin gesagt hast mit den Abfragen. Wenn wir uns vorher nicht damit auseinandersetzen, woher sollen wir das denn auch wissen? Wenn wir rote und grüne Moderationskarten nutzen, ist für uns der Unterschied total klar. Aber was ist, wenn eine Person rot und grün nicht unterscheiden kann, aufgrund von Farbenblindheit oder Sehbehinderung? Wir können nie wissen, wie die anderen Menschen sich fühlen, was die anderen Menschen benötigen. Aber wir können abfragen. 

Wir haben als Trainer:innen, Dozent:innen oder Moderator:innen die Verantwortung, eine Atmosphäre zu schaffen, wo die Menschen sich möglichst wohlfühlen, wo die Menschen so sein können, wie sie sind und damit die besten Voraussetzungen gegeben sind, um etwas Neues zu lernen, um sich auszutauschen, um Spaß zu haben. Und dafür können wir im Vorfeld eine Abfrage machen: “Was benötigst du, um gut an der Veranstaltung teilnehmen zu können?“


Und das würde ich total öffnen, weil die Frage “was ist deine Behinderung?“ schwierig ist.

Ich würde nicht irgendwelchen fremden Leuten immer sagen wollen “also das ist meine Krankenakte, das ist meine Diagnose … “ Aber wenn ich frage: “Was brauchst du, um gut in der Veranstaltung teilnehmen zu können?” 


Zum Beispiel hatte ich einen Workshop in einem geschlossenen Raum und eine Person hat gesagt “Ich habe gerade voll Allergie. Können wir bitte das Fenster zulassen?” Wenn man das vorher weiß, super. Dann kann man vielleicht sogar einen Luftreiniger organisieren.


Eine andere Person hatte im Workshop gesagt: “Ich habe voll die Nussallergie. Wenn hier irgendjemand einen Schokoriegel mit Nussanteil isst, dann schwillt mein Hals zu.” 


Das sind jetzt extreme Formate und man fragt sich, inwiefern das für meinen Workshop relevant ist? Aber wenn ich als Teilnehmerin irgendwo bin und weiß, ich werde gesehen, ich werde mit meinen Bedürfnissen gesehen und ich darf diese Bedürfnisse auch haben, die werden mir nicht abgesprochen, sondern ich kann im Vorfeld sagen: “Bei mir ist das das Thema Konzentration. Ich brauche zwischendurch mal eine Pause.” und ich kann das im Vorfeld relativ anonym einbringen. Als Workshopleitung kommt mir das vielleicht auch ganz gelegen, ab und zu eine Pause zu machen. 


Also das ist wirklich das A und O. Was auch sehr wichtig ist, neben der Abfrage im Vorfeld, ist die Abfrage auch nochmal vor Ort, weil es auch temporäre oder situative Behinderungen gibt. Es kann auch sein, dass die Person im Vorfeld nicht dran gedacht hat oder es bis dahin noch nicht so war. Der gebrochene Arm kam dann halt erst kurz vor der Veranstaltung. Somit hat die Person auch noch mal vor Ort die Möglichkeit hat, das anzusprechen.

Wichtig ist, dass man abfragt: „Passt das Tempo, passt die Lautstärke, ist das so gut für euch?“

Dann besteht die Möglichkeit, dass Menschen sagen, was sie stört.

Ich habe auch Barrierefreiheit-Beteiligungskarten, die laminiert sind und da ist auch zusätzlich Braille drauf, auch für Menschen mit Blindheit, die Braille nutzen. Sodass die Teilnehmer:innen dann wiederum auch die sybolisch rote Karte zeigen können: „Das ist gerade zu schnell.“

Wenn ich als Moderation die Runde sehe und dann melden sich mehrere, weiß ich nicht, 

ob es um den Wortbeitrag geht oder es sich gerade um Barrierefreiheit handelt. 


Franzi: Ich finde es gerade super spannend. Bei Barrierefreiheit, denke ich als allererstes an Menschen mit Behinderung, an Personen im Rollstuhl, an jemanden, der nicht gut sehen oder gut hören kann. Du hast jetzt viele Beispiele genannt, die mit unterschiedlichen Krankheitsbildern zu tun haben. 

Ich arbeite viel mit virtuellen Whiteboards und da geht es ganz oft bei Personen auch darum, dass die einfach das Tool noch nicht kennen und dort etwas draufzuschreiben für sie eine Barriere wäre. 


 

4. Wie signalisiere ich in der Außenkommunikation, dass mir Barrierefreiheit am Herzen liegt?


Franzi: Du hast gesagt, wie wichtig es ist, abzufragen. Wie könnte ich denn signalisieren, zum Beispiel in der Werbung für meine Workshops oder schon in der Anbahnung mit einem Kunden, dass mir das Thema wirklich am Herzen liegt und dass ich mich über Anregungen freue?


Sharon: Also wenn dir das Thema Barrierefreiheit am Herzen liegt, dann werden, das Menschen schnell mitbekommen, indem du, wenn du Videos nutzt, Untertitel nutzt. Und wenn du auf Social Media agierst, deine Bilder auch Alt-Texte, also Bildbeschreibungen haben, dann wird das natürlich schon auffallen. Gerade wenn Menschen eine Sehbehinderung oder Blindheit haben oder Menschen gehörlos sind und den Zugang zu deinen Inhalten bekommen.

Bereits bei der Anmeldung können wir viel machen. Also ich finde es auch total wichtig und schade, dass das bisher eher weniger gemacht wird. Je mehr ich erkläre, was die Teilnehmer:innen erwartet bei der Veranstaltung - dazu gehört alles zur Location, dem Veranstaltungsort, zu den Tools, zum Material, was genutzt wird - desto besser können sich Menschen darauf einstellen und können für sich schauen, ob das für sie passt und so funktionieren kann. 

Manche haben verschiedene Vorkenntnisse, einige brauchen noch mal Unterstützung oder können sich dahingehend nochmal weiterbilden. Die Kommunikation ist das A und O. Wie kommuniziere ich das? Zu labeln „wir sind barrierefrei“ ist ganz gefährlich, weil es nur barrierefrei sein kann, wenn ich die Zielgruppe genau kenne. Wenn ich die Zielgruppe nicht kenne, dann wird das schwierig, das barrierefrei zu machen. Ich kann es nur machen, wenn ich in den Austausch mit der Person gehe. Denn Behinderung ist nicht gleich Behinderung. Das kann sich ganz unterschiedlich auswirken oder auch tagesformabhängig sein. Da muss ich in den Austausch gehen. Aber in der Kommunikation zu sagen: „Ich bin offen und mir ist das Thema wichtig.“ Da denke ich, kann man das doch schon transparent machen. 


Franzi: Das ist mir auch bei deinen Posts zum Beispiel bei Instagram aufgefallen, dass du immer zusätzlich zu der Caption noch eine kleine Beschreibung hast. Was sehe ich da gerade? Da habe ich mir auch gedacht, es ist überhaupt nicht schwierig, da dazuzuschreiben: Bild von mir vor XY. Und schon kann das jemand, der das Bild gar nicht sehen kann, aber trotzdem auf Instagram aktiv ist, sehen und kann wissen, was ich da poste. Also totale Kleinigkeit, die man so machen kann. Es hat zwei Effekte: erstens nutzen es die Menschen und zweitens ist es natürlich ein Zeichen, dass mir das wichtig ist. Dann kommen vielleicht ganz andere Anfragen und ganz andere Anmerkungen. 





 

5. Wie gestalte ich virtuelle Formate barrierefreier?


Franzi: Was wäre denn das Erste, was du mir raten würdest bei virtuellen Veranstaltungen? Jetzt haben wir eher über offene Fenster gesprochen; das ist eher in Präsenz wichtig. Wo starte ich denn, meine virtuellen Formate barrierefrei zu gestalten? 


Sharon: Im Grunde genommen das gleiche Pendant. Der Veranstaltungsort ist dann digital, aber ist der digital zugänglich? Wenn ich eine Person mit Sehbehinderung oder Blindheit bin, kann ich das mit sogenannten Screenreader und assistiven Technologien aber auch grundsätzlich, das betrifft ja nicht nur Menschen mit einer Sehbehinderung: Kann ich mich mit Tasten oder je nachdem, was genutzt wird, selber durchführen oder zurechtfinden? Ganz häufig kenne ich, wenn man sich anmeldet, es Probleme bei den Formularen gibt, dass die nicht gut erreichbar sind oder dass nicht erkenntlich ist, was in welcher Spalte ist, sodass es schon bei der Anmeldung scheitern kann. Oder dass man noch etwas klicken muss, um rückzuversichern, dass man kein Roboter ist. Es gibt sehr viele Varianten, die barrierebehaftet sind. Das ist dann die erste Hürde, ob ich mich zur Veranstaltung anmelden kann.


Bei den Plattformen, unabhängig von der Webseite selbst, zu schauen, ob die digital barrierefrei ist oder auch bei den Methoden, die ich vor Ort nutze, darauf zu achten. Es gibt Veranstaltungen, wo gesagt wird: ”... wie auf den Präsentationsfolien zu sehen ist…“ Na ja, für manche schon, für manche vielleicht nicht. Ein Klassiker ist weiße Schrift auf gelbem Grund, das ist so ein schlechter Kontrast. Und auch da ist das allgemein bekannt, dass das für viele Menschen einfach schlecht zu sehen ist. Da können wir drauf achten. Auch hier die Frage: „Ist das Tempo gut? Ihr könnt mir im Chat schreiben”.  Also dass ich im Vorfeld weiß, was ist die Zielgruppe und wie kann ich mich darauf einstellen und schauen, welche Bedürfnisse ich abdecken kann und wie genau. Deswegen auch im digitalen Raum genau das gleiche Spiel. 


Franzi: Ich finde, es fühlt sich auch für einen immer gleich viel besser an, wenn es gleich eine Alternative gibt. Also wenn man zum Beispiel sagt: „Und wer heute die Kamera aus hat, der darf das jetzt im Chat schreiben“ oder sowas, als wenn man dann sagt: “Oh, da sind ja Menschen ohne Kamera, was machen wir jetzt? Daran haben wir nicht gedacht.“ So ist es, erstens pragmatisch und zweitens auch fürs Gefühl von allen besser.


Sharon: Du weißt auch nicht, warum die Menschen die Kamera aus haben. Ich hatte schon mal eine Person, die im Krankenhaus war und die mitmachen wollte. Wenn wir krank sind oder in einem Krankenhaus sind, dann wollen wir vielleicht nicht unbedingt allen zeigen: „Mir geht's heute nicht gut”. Also da noch mal zu überlegen. Die Kamera aus haben, muss nicht heißen, sie ist desinteressiert oder macht währenddessen was anderes. Auch bei dir heute die Situation mit dem Kind. Für mich geht das auch in die Richtung. Also Barrierefreiheit beinhaltet Behinderung, Beeinträchtigung oder chronische Erkrankung, aber für mich ist es auch das. Wenn du dich irgendwo anmelden würdest, dass du die Möglichkeit hast zu sagen “ich bin mit Kind und ich möchte trotzdem gerne teilnehmen” und dann zu schauen, wie kann man darauf Rücksicht nehmen? Kann man mehr Pausen machen oder was bräuchtest du in dem Fall, damit du das Gefühl hast, besser teilnehmen zu können? Oder einfach zwischendurch das Mikrofon auszumachen und du schreibst. Für dich ist das total gut zu wissen, dass du willkommen bist, mit der Situation, in der du gerade lebst, in dem Fall mit Kind.


Franzi: Ja, absolut. Ich habe ja quasi eine Behinderung, wenn wir dieses Wort mal ganz wertungsfrei als das, was es eigentlich ist, sehen würden. Sie behindert mich einfach ein bisschen und macht es mir ein bisschen schwieriger. 


Sharon: Wir müssen im Wording natürlich aufpassen. Man kann sich da schnell ins Fettnäpfchen setzen, aber zumindest eine Beeinträchtigung.



 

6. Welche Hilfsmittel hast du bereits entwickelt?


Franzi: Du hast vorhin gesagt, du hast ein paar von den Dingen, die du als Hilfsmittel nutzt und die du entwickelt hast, für deine Formate. Magst du uns das ein bisschen zeigen und erklären?


Sharon: Sehr, sehr gerne. Ich bin Moderatorin, mache Beratung, aber ich mache auch Material.


Einerseits habe ich meine eigenen entwickelten Materialien, die ich immer wieder nutze, aber andererseits auch Auftragsarbeiten für spezielle Lösungen für den Bedarf der Kund:innen.

Was ich heute mitgebracht habe, sind meine Feedbackröhren. Wir haben häufig die Situation, dass wir in irgendeiner Form Feedback haben wollen oder in Austausch kommen wollen und manchmal wollen wir das anonym machen. Und es gibt auch viele Möglichkeiten, dass man irgendwelche Tools nimmt. Aber wenn es um irgendwelche Wortwolken geht, können wir nicht alle Menschen erfassen. Das kann digital nicht so gut zugänglich sein, je nachdem, wie das gestaltet worden ist. Wenn es auf der Veranstaltung aufploppt, ist das auch super schlecht. Ich habe mit einer Gruppe mit Jugendlichen mit Sehbehinderung und Blindheit zusammengearbeitet. Sehbehinderung ist nicht gleich Sehbehinderung. Manche hatten noch eine gewisse Sehkraft und konnten mit einer größeren Schriftart das Ganze noch sehen, indem sie es nah ans Auge halten konnten. Und andere haben mit Braille, also mit Punktschrift, gearbeitet. Da habe ich solche Feedbackröhren entwickelt. Das sind so lange Röhren, die vorne verschiedene Plättchen haben, wo draufsteht, in dem Fall jetzt in großer Schriftgröße “Ja” und aber auch zusätzlich in Braille “Ja” zu fühlen ist. Das Ganze kann ich aber auch mit Klett austauschen und andere Kärtchen draufmachen. Je nachdem, was die Abfrage ist. Das ganze Pendent auch als Nein-Röhre. Vorne ist auch ein Sichtfenster, dass ich als Workshopleitung sehen kann, wie viele Kugeln drin sind. Ich habe dafür Tischtennisbälle genommen und die können von den Teilnehmer:innen jeweils in diese Röhre reinfallen. Und ich kann bei einer kleinen Gruppe eine Abfrage machen, ob das Tempo passt, ob eine Pause gebraucht wird oder ob die Teilnehmer:innen Lust auf eine bestimmte Methode haben. Dann bekommt jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer einen Ball. Und weil ich möchte, dass es anonym ist, sage ich: „In der Pause stehen die Röhrchen da an der Seite und dann könnt ihr gerne die Frage beantworten.” Und mir war auch wichtig, dass die Oberfläche von dem Standfuß auch verschieden haptisch ist. Also bei dem “Ja” ist das zum Beispiel Vlies und bei dem “Nein” ist das Glitzer, also ein bisschen gröber. 


Durch verschiedenes Material ist es einerseits optisch ansprechend, weil es verschiedene Farben und Strukturen hat und andererseits hat das den Sinn, dass ich das tasten kann. So haben wir die Möglichkeit anonym Feedback zu bekommen.

Es braucht Vorbereitung in dem Sinne, dass ich mir die Frage überlege und die Bälle verteile. Aber das kann man immer wieder nutzen. Das waren jetzt sozusagen die Prototypen. Ich vermiete solche Röhren auch. Wenn Trainer:innen sagen “ich habe diese Zielgruppe. Sharon, kannst du mir mal was zusammenstellen für eine Feedbackmethode?”, dann vermiete ich auch das Material dafür. Solche Dinge entwickle ich zum Beispiel.


Franzi: Ich bin total begeistert, weil man damit auch eine andere Dimension geschaffen wird. Ganz oft ist es nur zuhören und sprechen. Einfach mal wirklich machen und was anfassen können, usw. finde ich großartig. 


 

7. Wo finde ich Ideen und Inspiration, um meine Workshops barrierefreier zu gestalten?


Franzi: Wenn ich mehr auf solche Ideen kommen möchte oder mich da einfach inspirieren lassen möchte oder sowas, hast du sonst noch Tipps, wo man sich auf dem Laufenden halten kann oder wo vielleicht du deine Inspiration hernimmst? Lass einfach mal gerne uns ein bisschen teilhaben. 


Sharon: Tatsächlich gibt es noch nicht das Werk, wo ich sagen kann: “hier gibt es fancy barrierefreie Methoden.” Aber wer weiß, vielleicht entwickle ich das Werk eines Tages. 

Es ist einfach sehr individuell. Wir müssen immer wissen, was der konkrete Bedarf ist. Zum Beispiel habe ich Türschilder, dass wenn die Location nicht barrierefrei ist, im Sinne von, dass ich als Mensch mit Sehbehinderung/Blindheit mich gut zurechtfinden kann. 


Ich habe 24/7 meine Barrierefrei-Brille auf und ich nehme die Inspiration durch meine Umwelt auf.

Ich bin so ein kreativer Kopf und wenn ich irgendwo was sehe, wo ich sage: ”das ist von der Barrierefreiheit gut umgesetzt” dann fotografiere ich das auch immer. Und da ist es egal, ob ich im Urlaub gerade bin oder mit einer Freundin unterwegs bin oder gerade bei einem Spaziergang bin. 

Auf Social Media gibt es im Grundschulbereich viele Influencer:innen, also Lehrkräfte, Lehrerinnen, Lehrer, die ihr Material dort teilen. Das ist nicht immer barrierefrei, aber wenn ich feststelle, dass das eine coole Methode und cooles Material ist, kann ich mit meiner barrierefrei-Brille oder mit meiner Lupe noch mal drüberschauen und gucken: Was bräuchte es, damit es für die Zielgruppe passgenau ist? Wichtig ist auch, dass man das auch noch mal testet. Also all dieses Material, was entstanden ist, das wurde auch immer noch mal getestet durch Menschen, die betroffen sind. 

Natürlich kann ich mir auch eine Augenbinde um machen und das hilft vielleicht ein bisschen, aber ich weiß nie, wie eine Person sich fühlt, die tatsächlich betroffen ist. Und deswegen gibt es auch Testgruppen, wo man fragt oder wenn man jemand im Bekanntenkreis hat. Ich habe auch Modelle gebaut und dann habe ich die vorher erfühlen lassen: Funktioniert das so?, damit man das nachjustieren kann. Also Austausch, Vernetzung und jederzeit für Ideen bereit sein und offen sein und vielleicht auch Notizbuch dabei haben. 


Franzi: Ich glaube sowieso, dass sich das alles gegenseitig beeinflusst. Ich habe durch dich schon einen offeneren Blick auf die Umwelt. Da darf ich noch viel weiter die Augen öffnen für diese ganzen Themen, die da sind. Aber ich gucke zum Beispiel Spielplätze inzwischen ganz anders an, denn du hast neulich einen Spielplatz-Post gemacht. Und ich habe natürlich sowieso gerade einen Spielplatzfokus dank meiner Tochter und gucke schon immer, wo es eine Babyschaukel gibt und solche Sachen. Und dank deinem Post fällt mir das jetzt auch immer auf, wo ein Spielplatz barrierefrei ist und wo eben nicht. 


Sharon: Vielen Dank. Ja, das tut auch gut zu wissen, dass das irgendwie einen Impact hat. Manchmal gibt es Menschen, die sich an mich wenden und das cool finden. Aber manchmal ist das so, gerade auf Social Media, wenn wir die anderen Personen nicht sehen, wir wissen nur, wir haben eine Personenanzahl X, die einem folgt, die vielleicht auch die Stories sehen oder die Beiträge liken, aber wirklich zu sehen, dass es was bewirkt, tun wir ja nicht immer. Und da ist es umso schöner jetzt wie von dir, einfach mal so ein Feedback zu bekommen oder auch tatsächlich mit der Person in einen Austausch zu kommen. 


Franzi: Ja, sehr, sehr gerne. Ich kenne das auch sehr gut. Wir funken ganz viel nach draußen und wissen immer gar nicht, was das mit Leuten macht. Und mir gibt es auch immer wahnsinnig viel, wenn Leute mir sagen: ”ich lese das übrigens seit zwei Jahren”. Einmal hat mir eine Lehrerin geschrieben, dass sie ganz oft Sachen für ihren Unterricht nutzt. Da dachte ich immer so: “geil”. Für mich sind das die Profis, denn die machen das ja nicht für einzelne Trainings, sondern die machen das jeden Tag, den ganzen Tag. Und wenn da jemand sagt, er finde das gut, was ich mache, das war schon sehr cool. 


 

8. Wie kann ich mit dir arbeiten?


Franzi: Letzte Frage, dann kommen wir so langsam zum Ende: Wenn ich jetzt sage: “Ich möchte gar nicht so sehr in meinem eigenen Süppchen rum kochen, sondern ich würde mir gerne Unterstützung durch dich holen, um meine Formate barrierefreier zu gestalten.” Wie kann ich denn mit dir arbeiten? Was würde ich von dir bekommen?


Sharon: Kommt natürlich ganz darauf an, wie viel Geld Du mitbringst. Sharon lacht Letztlich stimmt die Aussage tatsächlich so ein bisschen. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt.

Ich bin seit 2017 selbst Trainerin und mache selber Visualisierungsworkshops - “Fancy Flipcharts” heißt das bei mir. Was ich gerne mache, ist, wenn Menschen auf mich zukommen, die selbst Trainer:innen sind, die selbst Workshops geben und sie mich fragen, wie sie das barrierefrei machen können, dass die mir das vorstellen, dass die mir das Material zeigen und wir dann gemeinsam drüberschauen. Zum einen gibts ein Grundwissen, so ein Crashkurs zu Barrierefreiheit und zum anderen schauen wir, wer die Zielgruppe ist und was wir jetzt schon besprochen haben mit der Abfrage. Anschließend geht es ans Eingemachte und dann gucken wir uns tatsächlich an, an welchen Stellschrauben wir drehen können.

Das Schöne ist, dass ich meistens die Erfahrung mache, dass je länger die Menschen mit mir zusammenarbeiten, weil das Ganze nicht in drei Stunden fertig ist, sondern das ist meistens ein Prozess, den man gemeinsam anstößt, dass dann die Menschen selber so eine barrierefreie-Brille aufsetzen. So wie du auch gerade gesagt hast. Dann fallen einem Dinge auf und dann sagen sie selber: “stimmt ja auch mit dem roten und grünen Moderationskarten. Stimmt, da habe ich selber nie daran gedacht. Weiß ich jetzt selber. Das muss ich jetzt anpassen. Da muss die Form anders sein.”

Da gibt es ja dann verschiedene Möglichkeiten und das ist total schön. 

Also das ist auf jeden Fall eine Variante, dass Menschen auf mich zukommen: „Ich habe schon einen fertigen Workshop und den setze ich auch immer so und so um und das ist das Material. Und jetzt möchte ich gerne gucken, wie kann ich da auf Barrierefreiheit achten.” Und je nachdem wie lang auch das Workshopformat ist, dauert das auch und wie doll wir dann auch einsteigen. Wenn wir genau die Zielgruppe kennen, können wir das natürlich sehr konkret machen. Je konkreter, desto besser. Wenn das eher so ein allgemeines Interesse ist, dann kann ich natürlich auch sehr, sehr gerne allgemeine Tipps und Tricks mitgeben. 


Ich bin von den Sozialheld:innen als Barriere Scout ausgebildet worden. Das heißt, ich mache auch Begehungen und kann auch Tipps und Tricks geben für die Räumlichkeiten oder wie wir jetzt besprochen haben, mit dem digitalen Raum, je nachdem. 

Was auch Projekte gerne machen, ist, wenn die sagen, uns ist das Thema wichtig, aber wir haben gar nicht die Kapazität, kannst du als Co-Moderatorin einfach mit dabei sein? “Ich weiß gar nicht, wie wir das dann umsetzen vor Ort.” und vielleicht sind da Berührungsängste oder die Frage “wie gehe ich damit um?” Dann bin ich auch gerne bei Veranstaltungen mit dabei und unterstütze dort vor Ort das Projekt. Das mache ich auch sehr, sehr gerne. 

Ansonsten bin ich ja sowieso barrierefreie Moderatorin, ich werde auch für Veranstaltungen, ohne dass es vorher schon ein Konzept gibt, angefragt und dann kann von vornherein das ganze Projekt mit der Barrierefrei-Lupe, mit der barrierefrei-Brille von Anfang an mitgeplant werden. 

Wenn wir das von Anfang an mit Plan mitdenken, ist es häufig einfacher, als wenn wir dann im Nachgang noch mal drüberschauen müssen. Aber keine Sorge, es ist alles machbar, es ist alles möglich. Und vor allen Dingen haben wir, auch heute noch mal gesehen, das ist nicht immer ein Hexenwerk. Es ist machbar und bei mir gibt es Sachen auch auszuleihen oder ich kann Sachen umsetzen, wenn ihr nicht die Zeit habt, aber das Budget, kann ich Material für euch umsetzen. Das könnt ihr dann immer wieder nutzen. Es gibt es so viele Möglichkeiten und ich würde mich riesig freuen, mehr Workshops, mehr Formate barrierefrei zu sehen und euch dabei zu unterstützen. 


Franzi: Ganz egal, ob es etwas schon gibt und du nochmal draufguckst oder dass man es gleich mit dir gemeinsam entwickelt. Und ich finde es so spannend in zwei Richtungen, weil auf der einen Seite macht es die eigenen Konzepte besser und auf der anderen Seite erschließt es mir auch andere Zielgruppen. Unternehmen, die darauf Wert legen, die würden mich vielleicht jetzt noch nicht buchen, weil ich das noch nicht leisten kann. Wenn ich aber dich an Bord hole oder dann von dir auch das Wissen habe, dann kann ich da noch mal ganz andere Angebote machen. 


Vielen Dank, dass du da warst. Danke, dass ich dich befragen durfte. Und ich hoffe, wir begegnen uns bald mal wieder!


Sharon: Chakka! Barrierefrei, sei dabei!


 
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About Sharon

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Sharon Maple ist selbstständig als Moderatorin und unterstützt Events dabei, das Thema Barrierefreiheit von Anfang an mitzudenken. Für Sharon beginnt das schon bei der Abfrage und Planung vor dem Event. Auch bei inklusiven Beteiligungsmethoden und barrierefreiem Material unterstützt sie gerne


Sie selbst sieht sich als Ally, als Brückenbauerin. Mehr Aufmerksamkeit für das Thema schaffen und Wege aufzeigen, im eigenen Alltag barrierefrei zu denken ist ihre absolute Priorität.


 

Du findest alle Informationen und die Kontaktdaten von Sharon hier:

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